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Unser Stamm nennt sich "Edelweißpiraten", als Siedlung (Vorstufe zum Stamm)
hieß er "Bartholomäus Schink". Doch wer oder was waren Edelweißpiraten, was haben
sie gemacht, wann existierten sie? Wer war Bartholomäus Schink? Warum heißen wir
als Stamm anders als Siedlung? Im folgenden wird versucht, auf all diese Fragen
Antworten zu geben.
Anfangen muss man wohl bei der Jugendbewegung in Deutschland, welche 1897 in
Steglitz (heute ein Stadtteil von Berlin) begann. Dort begann Hermann Hoffmann(-Fölkersamb)
mit seiner Schülergruppe Fahrten in das Umland von Berlin zu veranstalten. Dieses
ist als Ausbruch aus der strengen und spießigen wilhelminischen Gesellschaft und
der aufkommenden Industrialisierung zu deuten. Am 4. November 1901 wurde diesem
Phänomen, welches in Berlin schon viele Anhänger gefunden hatte, unter dem Namen
"Wandervogel - Ausschuss für Schülerfahrten" offiziell als Bund gegründet.
Ungefähr 10 Jahre später als in Deutschland hatte in England ein ehemaliger General
einen Versuch gestartet, der vom Ansatz ähnlich gelagert ist. 1907 veranstaltete
Robert Stephenson Smith Baden-Powell (später Lord of Gilwell) ein Lager mit 10 bis
12-jährigen Jungs auf der Insel Brownsea-Island. Hieraus entwickelte sich die
Pfadfinderbewegung, welche mehr an die Fähigkeiten der Jugend glaubte und den
Jugendlichen mehr Eigenverantwortlichkeit übertrüg.
1909 kam es zum ersten Kontakt zwischen Wandervögeln und Pfadfinder: Wandervögeln
besuchten Pfadfinder in England. Im selben Jahr bilden sich auch ersten Pfadfindergruppen
in Deutschland.
Wandervogelbewegung und Pfadfindertum hatten bis dahin eine Koexistenz, die bis
zum ersten Weltkrieg stark voneinander abgegrenzt war. Erst in den Schützengräben
kam es zu ersten näheren Kontakten, wodurch nach dem Krieg in einigen Bünden eine
Vermischung von beidem (Wandervogelbewegung und Pfadfindertum) stattfand. Aus
dieser Keimzelle entstand in der Zeit der Weimarer Republik die bündische Jugend,
die Hochkultur der deutschen Jugendbewegung.
Trotz einzelner (zum Teil starker) Unterschiede in den Bünden der bündischen Jugend,
war der Freiheitsdrang und eine gewisse Naturverbundenheit durch ihre Fahrten und
Lager allen gleich. Daher traf das Gesetz, welches die Hitlerjugend 1933 zur alleinigen
Staatsjugend machte, die deutsche Jugendbewegung genau ins Herz: sie durfte nicht
mehr existieren. Alle Jugendgruppen waren in das Jungvolk, die HJ und in den BDM
zu überführen; Fahrten, Lager und Gruppenbildung waren außerhalb der HJ verboten.
In dieser Zeit gab es einige Gruppen aus der Jugendbewegung, die sich illegal
weiter trafen und auch ihre Fahrten weiterhin machten. Solche Gruppen standen in
klarer Opposition zum Regime, auch wenn einige anfangs Hoffnung in die Nationalfrage
setzten. Sie gabe sich neue Namen, um den Unterschied zur freien Jugendbewegung
deutlich zu machen und um einen Decknamen zu haben. Namen solcher Gruppen sind
Navajos (Nerother Wandervogel), Schwarze Schar, Kittelbachpiraten und auch
Edelweißpiraten.
Neben den bündische Gruppen gab es noch einige andere Jugendcliquen (bestehend
überwiegend aus Lehrlingen und Jungarbeitern; sogenannte wilde Gruppen), die sich
aus Opposition zur einheitlichen Staatsjugend gegründet haben. Auch hier gab es
Edelweißpiraten, die sich nach dem Vorbild der bündische Gruppen nach Freiheit
sehnten. Obwohl beide Edelweißgruppierungen, also die bündischen und die
Arbeitergruppen, kaum Berührungspunkte hatten, da sie aus verschiedenen Richtungen
kamen, trugen beide das Edelweiß als Erkennungszeichen unter dem Revers. Viele
Edelweißpiraten haben sich auch ein Edelweiß auf die Schulter oder auf den Unterarm
tätowieren lassen. Die Bündischen waren darüber hinaus an ihren karierten Hemden
und an Halstüchern zu erkennen, welches an ihre alte Fahrtenkluft angelehnt war.
Die bündischen Gruppen beschränkten sich in ihrer Aktivität als Edelweißpiraten
nicht nur auf ihre geheimen Treffen und Fahrten, sondern konfrontierten sich auch
noch offen mit der Hitlerjugend. Die HJ-Leiter wurde verdroschen, wo es nur ging,
während Pimpfe oftmals verschont wurden, da sie keine andere Wahl hatten, als zur
HJ/Jungvolk zu gehen. Später jedoch wurde wegen der "bündischen Umtriebe" auch
noch die Gestapo (neben der HJ) mit der Verfolgung der Edelweißpiraten beauftragt.
So kam es, dass es gegen Ende des Krieges mehr wilde als bündische Edelweißpiraten
gab, welches zum Anfang des Dritten Reiches umgekehrt war.
Bartholomäus Schink war ein Edelweißpirat in Köln-Ehrenfeld. Er und seine Truppe
versteckten Verfolgte (Juden, Deserteure und entflohene Zwangsarbeiter) vor den
Nazis und stahlen Lebensmittelmarken aus dem Parteibüro und verteilten sie.
Außerdem ließen sie einen Waffentransport entgleisen und erschossen den Ortsgruppenleiter.
Für diese Vergehen (Verbrechen) wurden sie am 10. November 1944 ohne einen Prozess öffentlich
gehenkt; Bartholomäus Schink war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre. Als Widerstandskämpfer
sind sie nicht anerkannt, dafür wurden sie in der israelischen Gedenkstätte Yad
Vaschem geehrt worden.
So weit die Fakten. Als wir von diesem Thema das erste Mal erfuhren, war uns sofort
klar, dass dieses der richtige Name für uns sei. Wir wollten einen jugendlichen
(nicht anerkannten) Widerstandskämpfer ehren, der mit seinem Leben seine Kühnheit
zahlen musste und die Erinnerung an diese unmenschliche Zeit wach halten. Unsere
Quelle zu dem Thema war das Buch "Er war 16, als man ihn hängte" von Alexander
Goeb, welches das Leben von Bartholomäus Schink beschrieb. Weiterführend haben
wir uns an die Bücher von Thiel und von Hellfeld gehalten, die über das Thema
Edelweißpiraten allgemein referierten. Daher gaben wir uns mit unserer Bestätigung
zur Siedlung, Pfingsten 1995, den Namen Siedlung Bartholomäus Schink".
Zu unserem 5-jährigen (1999) Bestehen erreichte uns ein Brief, der uns nachdenklich
machte. Ein ehemaliger jungenschaftler schrieb uns, dass Bartholomäus Schink kein
echter Edelweißpirat gewesen sein und obendrein ein großer Verbrecher. Dies
veranlasste uns, uns nochmals mit diesem Thema auseinander zusetzen, dieses Mal
genauer und intensiver. Ergebnis ist, dass durchaus zwischen bündischen und wilden
Edelweißpiraten differenziert werden muss. Ob Bartholomäus Schink ein Verbrecher
ist, wollen wir nicht beurteilen, wenn es in dieser Zeit ein Verbrechen war, mit
seinen Freunden auf Fahrt zu gehen oder jüdischen Glaubens zu sein. Wir sind jedoch
kritischer geworden, denn Schink prügelte sich nicht nur mit der HJ, sondern soll
auch seine Schwester und seine Mutter geschlagen haben. Die Ehrenfelder-Truppe
soll eine Terrorgruppe gewesen sein, die halb Köln in Angst und Schrecken versetzt
haben soll.
Diese Sachen sind von uns leider nicht nachprüfbar, wir hätten auch gerne ein objektives
Bild, Fakten und Wahrheit gewusst. Den Quellen, die uns zur Verfügung standen, sind wir
nachgegangen. Jedoch gingen die Meinungen in den Ergebnissen so stark auseinander,
wie es hier aufgezeigt wurde. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass sich die
Kölner Edelweißpiraten der Gewalt als Mittel gegen die Nazis bedienten
und auch hier nicht vor dem extremsten halt gemacht haben. Man mag dagegenhalten,
dass dieses die Umstände rechtfertigen.
Wir sind jedoch der Meinung, dass Gewalt, egal von welcher Seite, nur äußerst
selten eine Lösung sein kann. Deshalb haben wir den Namen Bartholomäus Schink abgelegt.
"Warum heißt ihr dann jetzt Edelweißpiraten, dass ist ja fast das gleiche, schließlich
war Bartholomäus Schink ein Edelweißpirat?" mag da vielleicht jemand denken.
Bartholomäus Schink war ein Edelweißpirat, das ist richtig. Er war jedoch kein
bündischer, er entstammt aus einer wilden Jugendclique. Wir beziehen uns mit unserem
Namen auf die bündischen Fahrtengruppen. Diese haben sich zwar auch mit der HJ
geprügelt, jedoch ist dies in unseren Augen vertretbar im Vergleich zu Bombenanschlägen
und Erschießungen, vor allem auch im Hinblick auf die gestohlene Jugend unter Hitler.
Eure Edelweißpiraten
Links zum Thema Edelweißpiraten:
Fall "Bartholomäus Schink", untersucht von einem Geschichts-LK in Köln
Kids im Nazi-Regime
Projekt Edelweißpiraten
Film über Edelweißpiraten
Allgemeines
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